Nele in Namibia

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Zwei Wochen später. Es ist Ende Oktober. Was ist passiert? Was ist neu? Was beschäftigt mich?

Das sind Fragen, zu denen ich Euch gerne ein bisschen was schreiben möchte.

I         Was ist passiert? Was ist neu?

Zunächst einmal habe ich richtig viel zu tun.

Langeweile – was ist das?

Ne, im Ernst. Also im Vergleich zum Vikariat ist das nochmal ein Unterschied. Es sind viele Gottesdienste und Andachten vorzubereiten. Auch stehen mir die ersten Beerdigungen bevor. Das mag ich ja, aber da ich das Setting noch nicht kenne und nicht weiß, wie das hier so üblicherweise läuft, stecke ich viel Zeit darein.

Außerdem bin ich einfach keine, die das aus dem FF macht.

Ich brauche Zeit für die Predigt.

Ich muss mich selbst theologisch mit dem Thema auseinandersetzen.

Gedanken sammeln.  

Schreiben. Verwerfen. Schreiben. Bearbeiten.

Sich begnügen.

Ich brauche Zeit für die passende Liederauswahl.

Nein, ich kenne nicht alle Lieder auswendig.

Da ich nur bedingt musikalisch bin, arbeite ich mit Spotify und meiner Bluetoothbox. Nun gibt es nicht jedes Lied bei Spotify und nicht alle Lieder kann man mitsingen. Auch ist das Tempo manchmal zu schnell für die alten Menschen. Das ist leider der Nachteil daran – manchmal wünschte ich, dass ich Klavier oder Gitarre spielen könnte, um zu begleiten. Aber das bin ich nicht. Ich komme mit Spotify. Und das wird auch geschätzt.

Auch Gebete formuliere ich aus.

Das braucht also alles seine Zeit.

Die Menschen haben es verdient, dass ich Andachten ebenso gewissenhaft vorbereite wie einen Sonntagsgottesdienst. Und für viele ist diese wöchentliche Andacht das Highlight der Woche. Die kommen zur Andacht, es komme, was wolle. Tanken auf. Lassen sich fallen. Werden geistig gefordert. Denken mit. Erzählen von ihrem Glauben. Äußern sich kritisch. Für manche ist es vielleicht ein Berieseln-Lassen, für andere theologische Arbeit.

Und ja, es gibt hier welche, die im Pflegeheim leben und auf viel Hilfe angewiesen sind. Aber viele der Menschen in den vier Altenheimen sind noch gut zurecht und leben im Prinzip für sich alleine in kleinen Häuschen oder Wohnungen. Alle Häuschen aneinandergereiht und eben unter dem Deckmantel des Altenheims; sie entscheiden selbst, ob sie selber kochen oder lieber zum Mittagessen gehen. Sie bestimmen, wieviel Hilfe sie sonst im Alltag brauchen. Ein wirklich schönes Konzept. Und die Menschen sind nicht allein, stärken sich gegenseitig und sind füreinander da; leben aber zum großen Teil immer noch selbstständig. Das ist einfach wirklich schön.

Begrüßungscafé für mich
im Altenheim Huis Palms in Walvis Bay.

Darüber hinaus gilt es Bibelstunden (Deutsch und Englisch) vorzubereiten.

Der neue Gemeindebrief ist erschienen. Auch wenn ich den geringsten Teil der Arbeit gemacht habe, war es schon mehr, als sonst. Die Andacht zu schreiben ist das Eine. Das Andere sind die Redaktionssitzungen, um zu schauen: Haben wir an alles gedacht? Korrekturlesen gehört natürlich auch dazu.

Ein paar Mal wurde ich netterweise auch schon zum Essen eingeladen. Zum Kennenlernen, zum gegenseitigen Beschnuppern, zum Zuhören, zum Erzählen. Das ist das Schöne hier: Wir haben Interesse aneinander. Ich an der Gemeinde und die Gemeinde an mir.

Ich habe im Kindergarten „Hallo“ gesagt und mich in der dritten von fünf Gemeinden vorgestellt: Henties Bay. Das sind 80km von Swakopmund. 110km wären es von mir zuhause (Walvis Bay). Den Gottesdienst hat mein Kollege gemacht. Kennenlernen konnten wir uns dann im Anschluss an diesen Wohnzimmergottesdienst. Die Gemeinde ist sehr klein. Vielleicht 20 Personen?!

In sehr gemütlicher heimeliger Atmosphäre auf dem Sofa feiert die Gemeinde Gottesdienst. Abgespeckte Liturgie, aber mit Abendmahl. Das ist wichtig, weil die Gemeinde nur einmal im Monat auf einem Samstag Gottesdienst feiert. Vom Gefühl ist ein Wohnzimmergottesdienst sehr meins.

Ich könnte die Liste noch länger werden lassen. Aber es geht darum, Euch einen Eindruck zu geben. Das ist also passiert. Manches davon ist neu für mich. Anderes gilt es nun in einem anderen Kontext und Setting neu zu bedenken. Das kostet viel Energie; macht aber auch sehr viel Freude.

II        Was beschäftigt mich?

Meine Herausforderungen sind derzeit folgende:

Zeitmanagement: Ich muss für mich selbst auf meinen freien Tag achten. Das macht niemand für mich. Ist ja auch klar; aber bei der vielen Arbeit ist das schon eine Herausforderung. Auch mein predigtfreier Sonntag im Monat will gut abgesprochen sein. Auf die 48h im Monat, die ich laut meiner Kirche freimachen darf und soll, habe ich noch gar nicht gepocht… Es ist dafür ein gutes Lernfeld, weil der Kollege mich dabei unterstützt und nicht sagt: So geht das aber nicht. Ich muss es selbst einfordern, aber dann ist das eben auch machbar. Das ist gut.

Kriminalität: People, ich sag euch, das ist anders hier als in Deutschland. Leere Coladosen vor Häusern zeigen Leuten an: Hier ist was zu holen oder hier ist es nicht safe. Achtung Hund. Ebenso Plastiktüten, die wie Müll im Baum hängen. Das sind alles Signale. Videos von Menschen, die dir ins Tastenfeld beim ATM (Geldautomaten) greifen und du versuchst einfach nur noch deine Bankkarte zu retten und abzuhauen. Ein anderer schnappt sich dann das Geld, was wenig später aus dem Automaten kommt. Ja, es gibt hier Kriminalität. Diebstähle. Ich muss auf meine Sicherheit aufpassen. Alles abschließen. Alarmanlage anmachen. Mich im Auto einschließen. Das sind alles Dinge, die ich in Deutschland nicht gemacht habe.

Ganz ehrlich: Ich hatte zwischenzeitlich wirklich das Urvertrauen in die Menschen verloren. In jeder und jedem eine potentielle Gefahr gesehen. So kann man nicht leben. Ehrlich nicht. Ich habe geweint. So bin ich nicht. So will ich nicht sein. Das sind nicht meine Gedanken. Ja, ich muss mehr aufpassen als in Deutschland. Okay, aber das Gefühl abzulegen, alle Menschen sind potentielle Kriminelle – das lege ich nun nach und nach ab. Aber es braucht Zeit. Es braucht Kontakte zu Menschen hier im Land. Zu Locals. Das hilft Vorurteile abzubauen. Dabei gilt dennoch: Safety first.

Arm und Reich: Die Diskrepanz ist krass. Oft auch verbunden mit dem Gefälle schwarz und weiß. Schrecklich. Menschen leben in Scrapmaterial-Hütten. Viele. Auf engstem Raum zusammen. Suchen nach mehr als Pfandflaschen in allen Mülltonnen. Bettler kommen jeden Tag zum Gemeindebüro. Dieses Gefühl ist schwer zu ertragen. Ich habe viel. Viele haben wenig oder gar nichts. Wie viel gebe ich ab von meinem Reichtum? Ich habe mich ja auch gut eingerichtet mit meinem Lebensstandard. Das ist noch eine offene Frage für mich.

Theologie: Das beschäftigt mich derzeit innerlich am stärksten. Themen wie (Homo-)Sexualität werden von manchen Menschen sehr biblizistisch verstanden, gedacht und gelebt. Wissenschaftliche Argumente führen da zu nichts. Ich rücke nicht von meiner offenen Einstellung ab, manche rücken nicht von ihrem Glauben ab, dass das Sünde ist. Muss ich mein Profil schärfen? Mich noch besser ausdrücken? Das will ich versuchen? Aber ist das das, was Menschen zum Nachdenken bringt, wenn Traditionen und theologische Positionen so weit auseinanderklaffen und seit Jahren so gedacht und gelebt werden? Oder habe ich versäumt in diesen Gesprächen ein Seelsorgegespräch zu entdecken? Aber ich kann ja nicht alles auf Seelsorge schieben, wenn Menschen über Themen diskutieren wollen.

Puh. Da bin ich dran. Und es ist schwer. Ich habe viele Freund*innen, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder Ehe leben. Das macht diese Diskussion sofort persönlich für mich. Und für mich gilt: Gott ist die Liebe und will, dass wir lieben und in der Liebe bleiben. Wer einen Menschen liebt (egal welchen Geschlechts), das ist keine Sünde. 

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2 Kommentare

  1. Christian G. Oktober 30, 2019

    Hallo Nele.
    Zuerst einmal schön zu hören, daß du gut angekommen bist und so herzlich aufgenommen wurdest.
    Einen Blog zu schreiben ist eine gute Sache. Denn über all die Zeit, die du dort sein wirst, kann man so seine Erlebnisse gut „aufbewahren“, welche man später gar nicht mehr alle erinnern kann.
    Deine bisherigen Ausführungen sind wirklich gut geschrieben. Da bekommt schon ein gutes Bild von deiner Umgebung.
    Es deckt sich mit den Beschreibungen eines Kollegen, der mal dort beruflich unterwegs war. Aber ohne mal selbst dort gewesen zu sein, läßt sich das alles nur erahnen. Ich glaube, das ist eher wie Parallel-Universum für uns.
    Ich denke aber mal, daß du auch das meistern wirst. Deine Gemeinden scheinen dich ja auch gut zu unterstützen.
    Ich bin gespannt, welche Berichte du hier noch abliefern wirst.
    Weiterhin alles Gute und immer den Schläger hoch halten, um auf alles vorbereitet zu sein. 😋
    Gruß Christian G.

  2. sonja kaiser November 4, 2019

    Danke liebe Nele, daß du diesen Blog (?) schreibst. So läßt du uns an deiner Arbeit, deinem Befinden, deinen Schwierigkeiten, deinen Erfolgen teilhaben. Wenn wir skypen stehen ja oft andere Fragen im Vordergrund.
    Daß das Projekt Namibia nicht ohne Belastungen abläuft, war wohl vorher klar. Es ist zu hoffen, daß du genügend Kraft hast, alles zu bewältigen. Wende dich an vertraute Menschen, wenn es einmal nicht gut läuft.
    Mit D.B. sage ich dir : Gott will uns soviel Wiederstandskraft geben, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
    in liebe, mama

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